Wie das Spiegelgesetz zu emotionalem Missbrauch führt

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Wie das Spiegelgesetz zu
emotionalem Missbrauch führen kann

Jeder, der eine Zeit lang in der spirituellen Szene unterwegs war, kennt es: das Spiegelgesetz.
Dieses Gesetz besagt folgendes:

Alles, was mich am anderen stört, ärgert, aufregt oder in Wut geraten lässt und was ich anders haben will,
das trage ich selbst in mir.
Alles, was ich am anderen kritisiere, bekämpfe und/oder verändern will, kritisiere, bekämpfe und unterdrücke ich in Wahrheit in mir selbst und wünsche mir, dass es anders wäre.

Wer hat es nicht hunderte Male gehört: Was spiegelt Dir die Situation? Dieser Mensch ist Dein Spiegel oder ähnliche Ausdrücke, die immer wieder auf das Spiegelgesetz hinweisen. Dies kann verheerende Folgen haben, wenn es falsch angewendet wird – warum, erfährst Du in diesem Artikel.

Die falsche Anwendung des Spiegelgesetzes und ihre Folgen

Mir fällt immer wieder auf, dass Menschen, die als Kinder emotionalen oder sexuellen Missbrauch erlebt haben, das Spiegelgesetz in der Form anwenden, dass sie sich selbst die Schuld für das Verhalten anderer geben. Denn: als Kinder haben sie Schuldgefühle entwickelt, um den Missbrauch der Eltern oder anderen Bezugspersonen zu rechtfertigen! Die Schuldgefühle waren damals eine Methode, um zu überleben.

Diese perfide Struktur von Missbrauch, der nicht aufgearbeitet wurde, führt immer wieder zu ähnlichen Situationen im Leben – und die falsche Auslegung des Spiegelgesetzes führt zu weiterem Missbrauch, diesmal an sich selbst. Besonders hochsensible Menschen neigen zu dieser Form des Selbstmissbrauchs.

Was spiegelt Dir die Situation?

Es ist wahr, dass Situationen, die uns aufregen, ärgern, stören oder anders triggern, etwas mit uns zu tun haben. Das Wort spiegeln ist hier aber nicht hilfreich und auch nicht korrekt. Denn: Was uns das Leben hier zeigt, ist nicht unbedingt unser eigenes Verhalten, welches uns jemand im Außen vor die Nase hält, wie das Spiegelgesetz es behauptet. Aber was zeigt es uns dann?

Nehmen wir ein Beispiel aus dem Alltag:

Du bist mit einem Freund verabredet, der oft unpünktlich ist, während Du ein pünktlicher Mensch bist. So auch dieses Mal. Du wartest schon recht lange auf ihn und er erscheint nicht, was Dich nervt.
Laut Spiegelgesetz müssten wir jetzt davon ausgehen, dass es in Dir eine Unpünktlichkeit gibt, die Du ablehnst oder die Du Dir nicht eingestehen möchtest, die aber tatsächlich irgendwo in Dir schlummert oder tief vergraben ist. Da Du diesen Teil in Dir ablehnst, nervt Dich die Unpünktlichkeit Deines Freundes. So ungefähr würde das Spiegelgesetz bei diesem Beispiel angewendet.
Evtl. sagt Dein Freund sogar noch: „Da es Dir passiert, hat es auch was mit Dir zu tun – also muss in Dir auch diese Unpünktlichkeit sein, die Du aber vor Dir selbst nicht anerkennst. Sonst würdest Du Dich ja nicht so aufregen.“
Kommt Dir das bekannt vor??
Und Du bohrst und schaust tiefer in Dich, um in Dir die unterdrückte Unpünktlichkeit zu finden, die dazu führt, dass Dein Freund unpünktlich ist. Du versuchst in Dir die Ursache für das Verhalten Deines Freundes zu finden. Und genau hier bekommt das Ganze eine Schieflage und geht in Richtung Selbstmissbrauch.
Denn: Sehr wahrscheinlich bist Du überhaupt nicht unpünktlich und findest auch in den tiefsten Tiefen keine Unterdrückung dieser Eigenschaft. Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass Dir die Situation etwas zeigt – nur was das ist, wirst Du selbst entdecken.
Es könnte z.B. sein, dass Du Dich durch das Zuspätkommen nicht respektiert, nicht wertgeschätzt oder unwichtig fühlst und dass sich diese Gefühle in Deinem Leben häufiger zeigen. Da lohnt es sich dann liebevoll hinzuschauen. Es könnte auch sein, dass Du Schwierigkeiten hast, gut für Dich zu sorgen, Grenzen zu setzten und eine klare Ansage zu adressieren, in der Du klarmachst, wie groß Deine Warte-Toleranz ist und Du danach eben etwas anderes unternimmst…

Was auch immer es ist: Es muss nicht zwangsläufig ein Spiegel sein, denn das Wort Spiegel impliziert, dass Dir im Außen das gleiche Verhalten gezeigt wird, was auch in Deinem Inneren vorhanden ist. Dem ist nicht so. Prüfe es einmal nach. Es kann sein, dass es in manchen Fällen zutrifft, aber in den meisten Fällen geht es um das, was die Situation wirklich in Dir auslöst.
Menschen mit einem missbräuchlichen Hintergrund tappen sehr oft in diese Spiegelgesetz-Falle, da sie es gewohnt sind, die Schuld bzw. die Verantwortung für alles zu übernehmen, auch für das (Fehl-) Verhalten von anderen. Hast Du es nun mit einem Freund zu tun, der sich um seine eigenen Themen nicht kümmern will, ist es geradezu einladend, Dir die Verantwortung für das eigene Fehlverhalten unterzuschieben, denn schließlich würde es Dir laut Spiegelgesetz ja nicht passieren, wenn es nicht auch in Dir wäre.

Dies ist ein bewusst gewähltes, undramatisches Beispiel, um die Dynamik der falschen Anwendung des Siegelgesetzes zu verdeutlichen. Schlimmer verhält es sich selbstverständlich in Situationen, in der wirklich Gewalt ausgeübt wird.


Emotionalen Missbrauch erkennen und auflösen

Der erste Schritt, um emotionalen Missbrauch aufzulösen, ist ihn zu erkennen bzw. zu erfühlen.

Indizien dafür, dass Du Dich in einer missbräuchlichen Situation befindest, können sein:

  • ein schlechtes Gefühl im Bauch
  • ein Gefühl von Taubheit oder Lähmung
  • Du kannst nicht mehr klar denken
  • Du kannst nicht mehr richtig sprechen oder verstummst
  • Herzklopfen
  • Schwitzen
  • die Energie geht Dir aus dem Körper
  • Schuldgefühle
  • Du suchst den Fehler immer bei Dir
  • Hilflosigkeit

Eine Möglichkeit, die Beispiel-Situation gut aufzulösen, wäre zu sagen: „Aufgrund meines Hintergrundes bin ich wieder in eine solche Situation geraten, in der ich mich nicht wertschätzend behandelt fühle und in der meine Bedürfnisse nicht vorkommen. Da mir dies bewusst ist, kümmere ich mich um die Auflösung dieses Themas.“

Hiermit ist Deine Seite der Situation erledigt. Du übernimmst die Verantwortung für Deine Gefühle, da Du erkennst, dass Dir dies häufiger passiert und kümmerst Dich darum. Das Verhalten des Freundes ist ganz allein seine Sache, darum darf er sich dann kümmern, wenn er es möchte.
Missbräuchlich wird es, wenn Du anfängst, dieselben Eigenschaften des Freundes in Dir zu suchen oder Dir gar selbst die Schuld für die Situation gibst. Dies ist Missbrauch, der aber schwer zu erkennen ist, wenn man als Kind Missbrauch erlebt hat. Denn die Erkenntnis über Deine eigenen Themen entbindet den anderen nicht von seiner Verantwortung für seine eigenen Handlungen!
Wenn beide sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, ist das eine wundervolle Basis für Freundschaften und Beziehungen. Wenn jeder bereit ist, sich seinen Teil anzuschauen, kann Liebe gedeihen.
Du trägst die Verantwortung für Dich und Dein Leben und Du kannst anderen die Verantwortung für sich und ihr Leben überlassen :).

Du möchtest Dich aus missbräuchlichen Situationen lösen oder traumatische Erlebnisse liebevoll auflösen?
Ich unterstütze Dich gerne:

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1 Kommentar

  1. Sylvia Harke sagt:

    Liebe Randi,

    genau zu diesem Thema sind mir in den letzten Monaten immer mehr Gedanken gekommen. Ja, es ist wahr. Viele Missbrauchssituationen werden von Tätern kaschiert, indem sie dem Gegenüber einreden, sie hätten selbst mit Verantwortung durch das Resonanzgesetz, dass sie jetzt dieses oder jenes erleben würden. Das kann schnell übergriffig werden und leicht vom eigenen Fehlverhalten ablenken. Mehr noch, Hochsensible sind all zu gern bereit, die volle Verantwortung und vermeintliche „Schuld“ auf sich zu nehmen, was den emotionalen Missbrauch nur noch schlimmer macht.
    Ich selbst habe das schon oft erlebt und meist spielen auch Doppelbotschaften eine große Rolle, so dass wir wirklich ins Zweiflen kommen uns fragen „Habe ich das wirklich kreiert? Habe ich falsch kommuniziert?“ Und dann geben wir denjenigen noch mehr Macht, die ohnehin eine vermeintliche esoterische Weisheit missbrauchen, um ihr Tun zu kaschieren.
    herzlich
    Sylvia

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